Warum ich mich dafür entschieden habe
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich meine Autismus-Diagnose künftig in Bewerbungsgesprächen offenlegen soll.
Auf LinkedIn und auf meinem Blog ist das Thema schon länger präsent.
Dort mache ich kein Geheimnis daraus.
Aber realistisch betrachtet gehe ich nicht davon aus, dass alle potenziellen Arbeitgeber meine Beiträge lesen.
Ein Gespräch in einem professionellen Kontext mit fremden Personen ist etwas anderes.
Dort offen zu sagen, dass ich autistisch bin, liegt nach wie vor außerhalb meiner Komfortzone.
Was, wenn mein Gegenüber nur das Wort „Defizit“ hört?
Warum Autismus für mich im IT-Beruf gut funktioniert
Für meine Arbeit als Software Entwicklerin bringt mein Autismus sowohl Vorteile als auch Herausforderungen mit sich.
In einem aufgeklärten, menschlichen Arbeitsumfeld ist ein konstruktiver Umgang damit sehr gut möglich.
Bevor ich wusste, dass ein IT-Beruf, der richtige für mich ist, war das anders:
In meiner Zeit als Trainerin in der Erwachsenenbildung war ich den ganzen Tag mit Menschen, Kommunikation und zwischenmenschlicher Komplexität konfrontiert.
Das hat mich langfristig überfordert.
Technische Komplexität ist mir um einiges lieber 😅
Und ich bin mir zu 100 % sicher, dass ich nicht die Einzige in dieser Branche bin, der es so geht.
Wenn es schwierig wird – und was mir dann hilft
Unsicherheit durch selbstkritisches Mindset
Wenn ich unter Stress gerate und sehr unzufrieden mit mir oder meiner Leistung bin, merkt man das. Menschen im Autismus-Spektrum können extrem selbstkritisch sein – und ich gehöre dazu.
Solche Tiefs gehören zur Arbeit an komplexen Systemen dazu.
Das weiß ich heute. Ich kann das in der Regel selbst regulieren, seit ich solche Situationen schon öfter erlebt habe und bereits kenne.
Aber ich werde schneller wieder ruhiger, wenn ich:
- Zuspruch bekomme
- die Einladung erhalte, meinen Perfektionismus bewusst zurückzuschrauben
- daran erinnert werde, dass es auch anderen IT-Fachkräften in solchen Phasen ähnlich geht (auch wenn sie das Tief eventuell besser verstecken können als ich)
Gute Zusammenarbeit heißt für mich auch, dass solche Dinge im Team nicht tabuisiert werden müssen.
Kommunikation im Arbeitsalltag, Inhouse-Umfeld und im Kundenkontakt
Ich sehe mich klar als Inhouse-, Plattform- oder Infrastructure-Entwicklerin mit starkem DevOps-Bezug. In stabilen internen Umgebungen, in denen Systeme langfristig betrieben, weiterentwickelt und verantwortet werden, kann ich meine Stärken besonders gut einbringen.
Trotz Autismus bin ich in diesen Kontexten sehr kommunikationsstark:
- Wenn ich regelmäßig mit denselben Kolleg:innen arbeite, beobachte ich genau, wie sie kommunizieren, Entscheidungen treffen und technisch zusammenarbeiten.
- Nach einiger Zeit kenne ich ihre Arbeitsweisen, Präferenzen und auch Reibungspunkte sehr gut.
- Ich erkenne früh, wo Kontext fehlt, Annahmen auseinanderlaufen oder Informationen verloren gehen – gerade an den Schnittstellen zwischen Entwicklung, Betrieb und fachlichen Anforderungen.
Diese Beobachtungsgabe nutze ich aktiv, um Zusammenarbeit zu verbessern.
In meinem letzten Unternehmen habe ich deshalb ein regelmäßiges Development Jour Fixe initiiert, das es zuvor nicht gab. Solche Formate sind für mich ein zentraler Bestandteil guter Engineering- und DevOps-Kultur: Sie reduzieren Missverständnisse, senken Stress und verbessern langfristig die Qualität und Stabilität von Systemen.
Sollte es in einem Unternehmen direkten Kundenkontakt geben, brauche ich klare Absprachen:
- Was kommunizieren wir?
- Was nicht?
- Wie ist der Rahmen?
Es hilft mir sehr,
- zunächst bei Terminen dabei zu sein und zuzuhören
- Feedback zu meinen ersten Gesprächen zu bekommen
- Rückmeldungen ehrlich und konstruktiv zu erhalten, wenn etwas unklar oder ungewöhnlich formuliert war
Das ist kein Sonderwunsch.
Es ist Teil meiner professionellen Arbeitsweise.
Codequalitäts- vs. deadlineorientiertes Arbeiten
Für mich – und für viele andere Menschen im Autismus-Spektrum – ist dauerhafter Zeitdruck problematisch.
Nicht im Sinne von Struktur, realistischen Zeitrahmen oder regelmäßigen Abstimmungen – all das brauche und schätze ich.
Schwierig ist für mich ein Arbeitsumfeld, in dem permanente Deadlines das zentrale Steuerungsinstrument sind, wie es in stark kundengetriebenen, „agilen“ Projekten oft der Fall ist.
Autistische Menschen verarbeiten Informationen oft sehr tief und detailliert und benötigen Zeit für Kontextaufbau, Bewertung und saubere Entscheidungen. Wenn komplexe Aufgaben unter Zeitdruck erledigt werden müssen – insbesondere bei neuen Themen oder bislang unbekannten Tools – kann das zu erheblicher Überlastung führen. Das hat nichts mit mangelnder Leistungsfähigkeit zu tun, sondern mit neurologischer Reizverarbeitung und Stressregulation.
Ein Fokus auf Codequalität, Nachvollziehbarkeit und nachhaltige Entscheidungen reduziert diese Belastung und ermöglicht stabile, verlässliche Arbeit – für neurodivergente Menschen ebenso wie für Teams insgesamt.
Was mein Autismus mir im als Engineer für Dev & DevOps ermöglicht
Für mich überwiegen klar die Vorteile.
Ich bringe viele Fähigkeiten mit, die in der sowohl im Development als auch im DevOps Engineering essentiell sind:
- ausgeprägtes analytisches Denken
- Freude an klaren Strukturen
- sehr gutes Gedächtnis (ich frage selten zweimal dasselbe)
- Lernen fühlt sich für mich nicht wie ein „Muss“ an – Informatik ist eines meiner Spezialinteressen
- hohe Ausdauer und Durchhaltevermögen in schwierigen Lern- und Einarbeitungsphasen
- starker Fokus auf Codequalität und nachhaltige Lösungen
- Blick über den Tellerrand: Ich habe die Fähigkeit weiter zu denken und auch spätere Konsequenzen zu bedenken
- Ich bin über mein Strukturdenken gut darin Zusammenhänge zu erfassen und miteinander in Verbindung zu bringen, die andere vielleicht noch übersehen haben
Ich kann Unternehmen mit ähnlichen Werten sehr verlässlich, wirksam und langfristig unterstützen.
Warum ich mich trotzdem für Offenheit entscheide
Gerade in Zeiten wie diesen, wo der Arbeitsmarkt noch komplexer erscheint als gewöhnlich, macht mir dieser Schritt Respekt.
Aber das Risiko ist es mir wert – für ein Arbeitsumfeld, das wirklich langfristig passt.
Ich möchte in einem Unternehmen arbeiten, das Diversität im Team nicht nur benennt, sondern lebt.
Das versteht, dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen brauchen, um ihr Potenzial voll einbringen zu können.
Eine längere Jobsuche nehme ich dafür bewusst in Kauf.
Lieber ein echtes Match – als langfristig in einer Umgebung zu arbeiten, in der Maskieren notwendig ist.
Und über mein eigenes Anliegen hinaus möchte ich bewusst mit diesem Beitrag für die Art von Arbeitswelt einstehen, die ich mir wünsche:
- Eine Arbeitswelt, in der Ehrlichkeit und wirkliches Menschsein möglich ist.
- In der sich niemand verstecken, verbiegen oder Masking betreiben muss.
Das ist auch für neurotypische Menschen ungesund!
Am Ende bin ich überzeugt:
Ein inklusives Miteinander ist nicht nur möglich – es bringt uns allen etwas.
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Tipps für eine inklusive Arbeitswelt
Einer meiner Lieblings-Vertreter dieses Themas ist Florian Malicke – ein Coach und Speaker, der selbst ADHS und Autismus hat.
Hier ist ein Link zu seiner Webseite und seinem LinkedIn Profil.
Schau auch gerne mal auf der Jobplattform myAbility vorbei!
Dort findest du „Inklusive Jobs für Menschen mit Behinderungen & chronischen Erkrankungen in Österreich“.
Autorin

Mag. Rubina Weinzettl
